Der Pate der Gelbbauchunke

Gelbbauchunke in Aktion

Wie können moderne Technologien und Ingenieurskunst zu mehr Nachhaltigkeit beitragen? Nachdem wir in unserem ersten Bericht vom Jahreskongress „Industrie trifft Nachhaltigkeit“ beleuchtet haben, was Produktoptimierung alles bringen kann, möchten wir uns diesmal ein Beispiel für eine nachhaltige Unternehmensstrategie herausgreifen und auf die Bedeutung einer Firmenphilosophie eingehen, die nicht nur auf Quartalszahlen und Gewinnmaximierung abzielt. Bei dem Kongress waren auffallend viele kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs) vertreten, die seit Generationen von einer Familie geführt werden. Eines dieser Unternehmen, das wahrscheinlich jedem ein Begriff ist, wenn es um Hochdruckreiniger geht, ist Kärcher. Seit 1935 ist das schwäbische Unternehmen in Familienbesitz. Und mindestens genauso lange gehören Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility (Gesellschaftliche Verantwortung eines Unternehmens) zum Konzept.

Die Müslis von früher

Damals gab es dafür noch keinen Namen, doch für Alfred Kärcher waren soziale Aspekte schon früh ein Thema. So kümmerte er sich um ordentliche Ausbildung seiner Leute und auch in schweren Jahren gab es für die Mitarbeiter ein G‘schenkle zu Weihnachten. Selbst wenn er dafür im eigenen Forst ein paar Bäume mehr fällen musste. Heute gibt es sogar eine Abteilung „Environmental Matters“, die sich ausschließlich mit Umweltfragen beschäftigt und von Axel Leschtar geleitet wird. Beim Kongress in Darmstadt berichtete er aus seiner Erfahrung als Nachhaltigkeitsbeauftragter. Leschtar ist Überzeugungstäter: „Wir Müslis von früher übten uns bewusst in Verzicht. Heute heißen sie LOHAS und sind Müslis mit Geld und Konsumansprüchen.“

Vom respektvollen Umgang mit Mensch und Umwelt Heute drückt sich natürlich jedes Unternehmen gerne den Nachhaltigkeits-Stempel auf, erfindet da ein neues Gütesiegel oder lässt sich von einem dubiosen Institut Umweltbewusstsein bescheinigen. Doch bei Kärcher denke man weiter: „Für Alfred Kärcher und seine Frau war anhaltender wirtschaftlicher Erfolg nur unter Berücksichtigung sozialer Belange möglich. Dazu gehört auch der respektvolle Umgang mit Menschen und Engagement für die Gesellschaft.“ Neben den ökonomischen und gesellschaftlichen Aspekten gehöre auch der Umweltschutz zu einer zukunftsfähigen Unternehmensentwicklung dazu. Heute heißt das Zauberwort „Corporate Social Responsibility“ (CSR) und das gehört mittlerweile für nahezu jedes Unternehmen zum guten Ton. Mit zunehmender Berichterstattung über Arbeitsbedingungen in Schwellen- und Entwicklungsländern sei eine gewisse Sensibilität bei den Kunden angekommen und erste Testorganisationen überprüfen CSR im Rahmen von Produkttests und große Handelsketten verlangen von ihren Lieferanten Nachweise zu Sozialstandards. Doch trotz des Fortschritts ist für Leschtar „CSR eine ganz tolle Möglichkeit, ihr Image zu schädigen oder wirtschaftlichen Schaden zu nehmen“. Denn so manche wohlmeinende Maßnahme kann schnell nach hinten losgehen.

Sag mal „Holzhackschnitzelheizwerk“

Doch was tut man denn nun konkret bei Kärcher? Standortbezogener Umweltschutz ist da so ein Schlagwort: In Punkto Energiesparen gibt es ein CO2-Reduzierungsziel und dazu gehören Energie aus einem Holzhackschnitzelheizwerk, Photovoltaik und Geothermie. Produktbezogen tue man ebenfalls einiges für die Umwelt, zum Beispiel mit der Ecostufe bei den Hochdruckreinigern spare man 20 Prozent Brennstoff ein. Im Unternehmen gebe es außerdem eine interne Norm „Umweltgerechte Produkte“ und für jedes neue Produkt gebe es eine Umweltcheckliste. Musterschüler und Vorzeigeobjekt ist da derzeit der neue Kärcher-Wasserspender, der nicht nur schick aussehe und leckeres Wasser spende, sondern auch einen günstigen Carbon-Footprint (CO2-Bilanz) ausweise, offiziell bestätigt von der TU Darmstadt. Auch das gesellschaftliche Engagement des Unternehmens aus Winnenden kann sich sehen lassen: Sozial- und Kultursponsoring von Bachakademie bis SOS-Kinderdorf oder Reinigungsaktionen gehören dazu. Zudem ist Kärcher beim Aktionsplan Biologische Vielfalt mit von der Partie – und hat eine Patenschaft für die bedrohte Gelbbauchunke übernommen. Leschtar betont: „Es ist aber reiner Zufall, dass sie die Unternehmensfarben schwarz-gelb trägt.“ Last but not least ist die Alfred Kärcher-Förderstiftung zu nennen. Sie fördert junge Wissenschaftler, die im Sinne Alfred Kärchers forschen, technische Probleme anpacken und lösen. Denn mit dem ersten europäischen Heißwasser-Hochdruckreiniger wurde 1950 ein Meilenstein auf dem Gebiet der Reinigungstechnik gesetzt. 2002 wurde mit der Stiftung eine Einrichtung geschaffen, deren erklärtes Ziel es ist, die Mechanisierung und Automation manueller Reinigungstätigkeiten und neue Problemlösungen zur Pflege und Reinhaltung der Umwelt zu fördern. Sie setzt sich in erster Linie dafür ein, dass Forschung an allen nur denkbaren Reinigungsaufgaben attraktiver wird und das Interesse daran beim wissenschaftlichen Nachwuchs wächst.

Überzeugungstäter oder reine Imagepflege?

Wie man sieht, ist es durchaus möglich, ein Unternehmen zum wirtschaftlichen Erfolg zu führen und sich trotzdem für Umweltbelange und soziale Fragen zu engagieren. Das Beispiel Kärcher zeigt anschaulich, dass Nachhaltigkeit als Teil der Unternehmensstrategie wirklich funktioniert. Eine Frage, die wir uns beim Kongress selbst öfters gestellt haben und die auch in Diskussionen immer wieder auftauchte war wollen wir nun an euch weitergeben: Glaubt ihr, dass Firmen wirklich aus Überzeugung handeln oder dienen all die Nachhaltigkeitsstrategien eher der Imagepflege?

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