Wie nachhaltig kann ein Epilierer sein?

Mit der richtigen Technik kann man richtig viel Duschwasser sparen

Der 1. Jahreskongress „Industrie trifft Nachhaltigkeit“ fand am 1./2. Dezember in Darmstadt statt. Wir waren mit einer kleinen Delegation dabei, um zu sehen, was man in Wirtschaftskreisen unter Nachhaltigkeit versteht und wie manche Unternehmen das Prinzip aktiv im Industriealltag leben. Am interessantesten für uns waren sicherlich die Praxisberichte. Besonders gut gefallen hat mir der Vortrag von Prof. Dr. Herbert Birkhofer, der als Institutsleiter des Fachgebiets Produktentwicklung und Maschinenelemente an der TU Darmstadt arbeitet. Ein klassischer Maschinenbauer also.

Der Einstieg war ziemlich wissenschaftlich, doch ich widerstand dem inneren Drang an die Kaffeetheke zu flüchten. Birkhofer wollte seinen Zuhörern zeigen, wie man „Mit Methodik zum Erfolg“ kommt und uns Anspruch und Wirklichkeit der Operationalisierbarkeit von Nachhaltigkeit nahe bringen. Was mich sofort fesselte, war die Frage, was ein Produkt eigentlich nachhaltig macht. „Wir sollten immer kritisch hinterfragen, ob sie wirklich nachhaltig sind“, mahnte der Professor.

Der Anspruch sei auch heute noch der gleiche wie schon im Jahr 1987, als im Brundtland-Bericht veröffentlicht wurde: „Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“

Doch die Wirklichkeit am Markt sieht anders aus: Obwohl 80 Prozent der Endkunden sagen, Umweltaspekte seien wichtig bei ihren Kaufentscheidungen, so ist ihre Zahlungsbereitschaft für nachhaltig produzierte und umweltgerechte Produkte genau entgegen gesetzt: Die Hälfte der Leute ist nicht bereit mehr dafür zu bezahlen, nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, nämlich 15 Prozent sind auch bereit, einen Aufpreis zu von mehr als 5 Prozent zu bezahlen.

Deshalb hat sich Professor Birkhofer überlegt, das Problem von der Entwicklerseite anzugehen und sich gefragt, was Entwickler brauchen, um umweltgerechtere Produkte zu entwickeln. Die Schlüssel zum Erfolg heißen Life-Cycle-Thinking und EcoDesign-Entwicklungsmethodik. Um besser zu erklären, was er meint, hatte der Maschinenbau-Experte drei praktische Beispiele mitgebracht: Bauteiloptimierung, Lösungsprinzip- und  Prozessoptimierung oder auf Deutsch: Wie kann man eine Blattfeder für einen Mercedes Sprinter besser, leichter, haltbarer machen? Wie kann man dafür sorgen, dass beim Epilieren weniger Wasser verbraucht wird? Wie kann man Dämmplatten schneller und effizienter an der Wand befestigen?

Ich will mich jetzt mal auf das Beispiel mit dem Epilierer konzentrieren, denn es klingt nicht gerade nach einer Herausforderung für einen Maschinenbau-Prof, sich mit sowas zu beschäftigen. Hat er aber. Und sogar mit erstaunlichem Ergebnis. Um herauszufinden, wie man ein Produkt optimieren kann, untersuchen die Wissenschaftler sowohl die Herstellung, den Betrieb als auch die Entsorgung eines Produktes. Beim Epilierer war schnell klar: Herstellung und Recyclingfragen waren nicht das Problem. Das Problem waren die Kundinnen, die ihre Epilierer vorwiegend unter der Dusche benutzen und dabei viel zu viel Wasser verbrauchen. Die ökologische Schwachstelle des Geräts war enttarnt.

Nur zur Erklärung für alle, die noch nie so ein Teil in der Hand hatten: Es tut ziemlich weh, sich so die Beine zu enthaaren, aber es hält lange. Das Gerät sieht aus wie ein Trockenrasierer, nur dass sich statt der Messer Pinzetten rotieren, die die Haare ausreißen. „Doch wie kann man das Problem lösen?“, fragte der Professor in die Runde. „Ein Beipackzettel wandert ungelesen in den Müll. Damit schaffen wir es nicht.“ Ein älterer Mann aus dem Publikum meinte, man sollte beim heutigen Schönheitsideal glatter, haarfreier Haut ansetzen. „Zu langwierig“, urteilte Birkhofer. Zudem sei das kein Ansatz für Ingenieure. Letztlich kamen sie darauf, man müsse schneller und gründlicher epilieren können. Nur so verringere sich auch der Duschwasserverbrauch. Ein neues Epilierprinzip musste her!

Die Lösung war dann schließlich relativ simpel: Statt einzelnen Pinzetten setzten die Ingenieure auf rotierende Walzen. Ergebnis:

  • sehr gute Gründlichkeit
  • Verringerung der Nutzungsdauer (um mindestens 30%)
  • Reduktion des Wasserverbrauchs (um mindestens 20%)
  • Weniger Hautreizung
  • Bessere Reinigung (Gitter und Kopf abnehmbar)
  • Vergleichbare Herstellkosten

Ähnlich spannend waren die anderen Beispiele, die ich euch bei Interesse gerne auch noch erkläre. Zusammenfassend kann man sagen, wir (Zuhörer und Ingenieure gleichermaßen) haben folgendes gelernt: Nur mit einer ganzheitlichen ökologischen Analyse kann man ökologische Schwachstellen finden.  Daraus lassen sich dann wieder Stellhebel und Entwicklungsziele ableiten, die oft ganz erstaunlich sind und nicht im eigentlichen Produkt liegen. Ein gutes Lösungsprinzip ist nicht nur ein Umwelterfolg, sondern wird auch auf dem Markt erfolgreich sein. Birkhofers Erfahrung zeigt zudem, dass es (fast) immer noch ein besseres Lösungsprinzip gibt und man nicht einfach die scheinbar erstbeste Lösung wählen sollte.

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