Ohne Zeigefinger übers Klima reden…


Bist du irre? Du fliegst einfach so zum Spaß nach Barcelona? Dir ist schon klar, dass Du schuld daran bist, wenn meine Kinder in einer total kaputten Welt aufwachsen. Voller Überschwemmungen, Dürrekatastrophen, Flüchtlingsbewegungen und Kriegen.“ Dann legt er nach: „Und Diesel fährst Du auch! Dein Bier trinkst du mit einem Plastikstrohhalm! Und Du isst Steak!!!“ 
 
Wir sitzen im Restaurant und ich verschlucke mich vor Schreck an dem zarten Bissen Filet, den ich gerade kaue. Oh Gott, jetzt muss ich auch noch aufstoßen. Plötzlich fühle ich mich wie die Kuh zum Steak, die fast im Alleingang das Klima um ein weiteres Grad hochrülpst.
 
Mit dir bin ich fertig, du Umweltsünderin! Du Methan- und CO2-Schleuder.“ Paul verlässt unter Protest das Lokal. Vom Nachbartisch dreht sich ein junger Mann zu mir um: „Leute, wie Ihr Bekannter, treiben viele viele Menschen in die Arme der AfD.“

Ich habe genug von dem Abend und zahle an der Theke 

Am nächsten Morgen komme ich zu dem Schluss, dass beide Recht haben – Paul und der Gast. Gut möglich: Die AfD dient als Auffangbecken für einige, die vom Zeigefinger der Moral gedemütigt werden. Vor allem, weil viel zu viele dieser Zeigefinger existieren. Es gibt Gegenden, da ernten Träger*innen von Discounter-Tüten angewiderte Blicke von oben herab. Diese verfolgen Sie bis ins Büro, wenn sie mit ihrem vom Mund abgesparten Dieselauto – von dem sie geglaubt haben, es sei ein Statussymbol, mit dem sie zur ganz normalen deutschen Gesellschaft gehören – in der Tiefgarage neben den Benziner-SUVs parken. Oder es ist ihr Strohhalm mit dem sie abends gerne mit einer großen Saftschorle vor der Tagesschau sitzen. Der, so erfahren sie in den Nachrichten, quasi allein verantwortlich ist für die Plastikvermüllung der Meere.

Klimabesorgte Klimasünder 

Dabei sind es oftmals die Besserverdienenden, deren ökologischer Fußabdruck weit über dem bundesdeutschen Durchschnitt liegt. Denn: Der Kauf von Bioprodukten allein gleicht bei weitem nicht die große Wohnung, den SUV und die Urlaubsreisen mit Auto und Flugzeug aus. 
 
Zu Paul geht mir eine andere Frage durch den Kopf: Hat sein Finger-Auftritt  vielleicht den einen oder anderen Gast im Restaurant von gestern zum Nachdenken über den Klimawandel gebracht? Nein! Da waren zu viele verletzende Übergriffe in die Privatsphäre am Start. Das Negative des Zeigefingers überwiegt das Positive der Inhalte. – Sehr schade, denn es ist höchste Zeit, dass wir uns gegenseitig wachrütteln, wollen wir das Klimaziel von maximal zwei Grad Erderwärmung noch erreichen. Daran wird bestimmt auch die AfD nichts ändern.

Jeder von uns produziert knapp 12 Tonnen CO2

Im Durchschnitt verursacht jede*r Bürger*in in Deutschland pro Jahr einen CO2-Ausstoß von 11,61 Tonnen. Für eine klimagerechte Welt müsste eine Reduktion auf ca. 2 Tonnen CO2 pro Kopf erfolgen. [Anm.: CO2 steht in diesem Artikel für CO2 + Äquivalente wie Methan (Wiederkäuer) und Lachgas (künstlicher Dünger)]

Klimaneutral? Ist das überhaupt möglich? 

Ja! Beispielsweise lebt Michael Bilharz mit seiner Familie klimaneutral – sein CO2-Ausstoß geht also gen Null. Dabei mangelt es der Familie an nichts. Sie haben ein warmes und schönes Zuhause – eine Altbauwohnung, die auf Niedrigenergiestandard saniert ist. Alle großen Geräte im Haushalt haben die höchste Energieeffizienz-Klasse. Aus der Steckdose kommt Öko-Strom. Fortbewegungsmittel Nr. 1 ist das Fahrrad. Zum Schoppen beim Biomarkt – auch mal Fleisch – nutzen sie Carsharing. Michael Bilharz ist noch nie geflogen. Und er hat 10.000 Euro in Windkraft investiert. Damit kompensiert er 15 t CO2.
 
Und das Beste daran ist, er findet Gehör: Denn Bilharz ist in der Politik. Er ist der Nachhaltigkeitsexperte beim Umweltbundesamt! Und er ist Autor der Broschüre „Klimaneutral leben – Verbraucher starten durch beim Klimaschutz“.
 
Michael Bilharz klopft sich aber selbst nicht auf die Schulter. Es geht ihm um das große  Ganze. Darum, dass wir uns als Gesellschaft auf den Weg machen, klimaneutral zu leben und zu produzieren. Dazu sagt Bilharz, dass jeder noch so kleine Schritt gut ist. Wichtig aber vor allem ist, dass er Signalwirkung hat. Das ist beispielsweise hier der Fall: Die neue Solaranlage auf dem eigenen Hausdach, stachelt die Nachbarn an, ebenfalls Solarpanels – vielleicht sogar in doppelter Größe – zu installieren. 

Ein Zahnarzt mit Signalwirkung 

Mein Zahnarzt hatte an Weihnachten eine besonders signalreiche Idee. Jedes Jahr kurz vor Heiligabend erhalten wir und 99 andere gute Patienten ein Päckchen mit Süßigkeiten, Spielzeug, diverse Zahnbürsten und Zahnpasta. Dieses Jahr war das Päckchen recht klein. Dafür war das Geschenk gewaltig. Jeder erhielt eine Kompensation von einer Tonne CO2. Darunter der Link zu der verwendeten Website: athmosfair.de.

Kompensation? – 250 Euro für die jährliche CO2-Vermeidung 

Wahrscheinlich hatten 95 der 100 Beschenkten keinen blassen Schimmer, dass sie beispielsweise ihren Urlaubsflug in gerade mal zwei Minuten kompensieren können. Kompensation meint die Unterstützung nachhaltiger Projekte, z.B. effiziente Öfen oder Solarpanels für Menschen ohne Stromzugang beispielsweise in Afrika oder Aufforstungsprojekte bzw. Walderhaltung. 
 
Die Kompensation findet also nicht bei dir vor der Haustür statt, sondern auf globaler Ebene. Du gibst Dein Geld an Organisationen, die damit andere Länder beim Aufbau von Industrien unterstützen – sauberen Industrien, bei denen möglichst wenig CO2 freigesetzt wird. Du gleichst also Deinen eigenen ökologischen Fußabdruck durch die positive Wirkung auf das Klima in der Ferne aus. 
 
Dieses Vorgehen hat einen weiteren positiven Effekt: Mittelfristig werden die technischen Entwicklungen und Weiterentwicklungen, die durch deine Kompensation angeregt werden, den Ausstoß von Treibhausgasen auch in Deutschland verringern. 
 
Ein sehr gutes Beispiel dafür sind Solaranlagen. Diese wurden in Deutschland entwickelt. Nach einer Phase, in der in Deutschland weniger Solarenergie installiert wurde, stellten die Solar-Unternehmen die Weiterentwicklung ein. Heute aber montieren wir wieder mehr Solaranlagen auf unsere Dächer. Dabei profitieren wir nun von der technischen Weiterentwicklung der Panels im Ausland. Anlagen aus China sind heute wesentlich leistungsstärker und zurecht marktführend. Da sie zudem recht günstig sind, profitieren nicht nur wir, sondern die ganze Welt davon.      
 
Übrigens: Die Kompensation des jährlichen Durchschnittsverbrauchs von knapp 12 Tonnen CO2 kostet gerade mal 250 Euro. Für Besserverdienende eine hervorragende und einfache Möglichkeit mit positivem Beispiel den Klimawandel voranzutreiben

Banken mit sozialer und ökologischer Geldanlage

Eine Alternative zu atmosfair.de, myclimate.com etc. ist der Wechsel zu einer nachhaltigen Bank wie der GLS. Du parkst Dein Geld auf dem Girokonto. Banken wie die GLS arbeiten mit diesem Geld und fördern soziale und klimafreundliche Projekte, wie Passivhäuser oder Windenergie. Eine Einlage von 10.000 Euro über ein Jahr erzielt dabei in etwa die gleiche Wirkung wie 250 Euro bei athmosfair.de. Und es versteht sich von selbst: Die Verzinsung entspricht der herkömmlicher Banken und Sparkassen – die ist im Übrigen überall bei Null. 

Bioprodukte sind teuer – das darf nicht sein!

Warum sind Bioprodukte oftmals doppelt oder dreifach so teuer wie nicht biozertifizierte Produkte? Müsste es nicht umgekehrt sein? Sollten wir als Verbraucher nicht automatisch zu dem ökologisch sinnvollen Produkt geleitet werden. Statt unser Kaufverhalten unter Schmerzen zu ändern: Wir kaufen nun mal gerne günstig. Also müssen umweltfreundliche Produkte günstiger sein, als jene die die Umwelt belasten und im Herstellungsprozess beteiligte Personen ausbeuten. Also: Bio-Bananen 1,5 Euro pro Kilo, Chiquita-Bananen 3 Euro pro Kilo. 
 
Klimaschutz kann nur als Gemeinschaftsprojekt funktionieren: Wirtschaft, Staat, Medien, NGOs sowie Verbraucher*innen müssen zusammenarbeiten. Denn nur so kann die Preisumgestaltung funktionieren, so dass die Preise die ökologische Wahrheit widerspiegeln.

Wer bringt die Politik dazu, zu handeln? – Beispiel Carsharing

Michael Bilharz hat zur Erklärung ein Beispiel parat: Wenn sechs Millionen Menschen in Deutschland Carsharing nutzen würden, dann würden wir die ökologische Steuerreform aus dem Jahr 2000 noch mal ganz neu aufsetzen können. Dann würden die Menschen nicht auf den Benzinpreis schauen, sondern auf den Preis der Dienstleistung Carsharing. Und diese hängt z.B. ab vom Kostenfaktor Arbeit (Personalkosten).

Fazit

  1. Jede*r kann etwas an seiner persönlichen Klimabilanz tun.
  2. Wichtiger ist jedoch: Du sprichst darüber – ohne wie Paul den Zeigefinger der Moral auszupacken! 
  3. Und Du erzeugst Signalwirkung. – Schenk deiner Freundin die Kompensation zu ihrem Flug nach Mailand, den sie von den Eltern zum Geburtstag bekommen hat. Erzähle von Deinem Wechsel zu Öko-Strom und wie einfach das war. Oder von Deinen Erfahrungen mit Carsharing und wie viel Geld Du ohne eigenes Auto sparst.
  4. Wir überzeugen die Politik, zu handeln. Denn wir brauchen sie im Boot für den Wandel zu einer klimaneutralen Gesellschaft.

Text: Dirk Klaiber
Grafik: Jannis Krüger

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