Echt jetzt: Mit easyJet klimaneutral fliegen?

easyJet kompensiert CO2-Ausstoß 

Diese Meldung traf mich völlig unvorbereitet an einem Dienstagmorgen mitten im November 2019. Mir wäre fast das Müsli aus der Hand gefallen vor Aufregung. Doch auch Ungläubigkeit und Skepsis mischten sich unter. Daher wollte ich das schnell klären: Fliegt easyJet wirklich klimaneutral? 
 
Was also steckt hinter der easyJet-Meldung: Ein Sinneswandel bei den Verantwortlichen der Billig-Fluggesellschaft? Ein schlechter PR-Gag? Oder irgendetwas dazwischen? 
 
Tatsächlich will easyJet ab sofort knapp 30 Millionen Euro pro Jahr kompensieren. Umgerechnet bedeutet das: easyJet kompensiert im Durchschnitt pro Fluggast 30 Cent pro Flug. 
 
Die Fluggesellschaft startet und landet fast ausschließlich in Europa – bis auf wenige Ausnahmen wie Marokko, Israel, Jordanien und Ägypten. Nehmen wir also zum Vergleich einen einfachen Flug von Stuttgart nach Mallorca. Bei den Kompensationsportalen Atmosfair oder myclimate kostet die individuelle Kompensation dieser Strecke 6 Euro. – Wow. Das ist immerhin ein Unterschied von 2.000 %.
 
Wie kommt es zu dem Kompensations-Unterschied: 30 Cent vs. 6 €?
 
1. easyJet kompensiert das CO2, das beim Verbrennen von Kerosin oder Benzin (Strahlungsantrieb) anfällt. Aber bei Flugreisen belasten der Ausstoß von Stickoxiden, Wasserdampf und diverser Partikel das Klima zusätzlich. Diese zusätzliche Belastung liegt laut Umweltbundesamt etwa drei Mal so hoch wie die Umweltbelastung durch den CO2-Strahlungsantrieb. Atmosfair hält sich an die Berechnungen des Umweltbundesamts. Das heißt: Jedem Euro, den Atmosfair kompensiert, stehen bei easyJet 25 Cent gegenüber.
 
2. easyJet geht von einem Kompensationspreis von 3,50 Euro pro Tonne CO2 aus. Zum Vergleich: Bei myclimate liegt dieser Wert bei 24 Euro. Gegenüber dem Spiegel sagte ein myclimate-Sprecher, dass „sehr gute, zukunftsweisende Klimaschutzprojekte […] für 3,50 Euro pro Tonne nicht umsetzbar seinen“. easyJet hingegen betont, dass das gigantische Größenvolumen der Investition (bessere Planung) – immerhin 10 % des globalen Kompensationsmarkts – entscheidend sei.
 
Und noch mal zum Mitschreiben: easyJet kompensiert 10 % des weltweiten Kompensationsmarkts. Wie klein ist dieser Markt denn bitte? Nach easyJet wollen doch jetzt auch Daimler, Bosch, Bahn usw. klimaneutral werden. Wie soll der kleine Kompensationsmarkt das denn leisten? 
 
Ist Kompensation an sich ausreichend? Kann ich dadurch klimaneutral fliegen?
 
Nein. Ein Flug wird durch die CO2-Kompensation nicht weniger schädlich für’s Klima. Aus Sicht des Klimas wäre es das Beste, wir würden gar nicht mehr fliegen. Privat hieße das: den Urlaub auf dem Balkon zu verbringen, einfach los zu wandern oder in die Pedale zu treten. Beruflich: Videokonferenz. 
 
Aus Sicht des Klimas wäre ein Umstieg auf Bus und Bahn die zweitbeste Alternative. Stuttgart nach Berlin mit der Bahn? Ja das ist ohne Einschränkung machbar. Zumal sich für einen Laptop immer Platz findet.   
 
Die Kompensation kommt erst an dritter Stelle. Immerhin ist Fliegen mit Kompensation besser als ohne. 1. Das Geld fließt in sinnvolle Projekte – wenn auch nicht in Deutschland, sondern weltweit. Obwohl der Ausbau der Erneuerbaren Energien beispielsweise hierzulande noch viel Luft nach oben hat. 2. Die Kompensation signalisiert dem Hirn, dass Fliegen tatsächlich schlecht ist für die Umwelt. Das Hirn rückt dadurch – hoffentlich bald – automatisch Alternativen in den Fokus (Beispiel von oben: Videokonferenz). Ob dem tatsächlich so ist, können wir sehen, wenn die statistischen Zahlen für 2020 vorliegen und das Flugwachstum ausgeblieben ist. Aktuell prognostiziert die Reisebranche allerdings ein Wachstum von 7 %. Das Hirn trägt nur etwas zum Klimaschutz bei, wenn das Beswusstwerden in Handlung mündet. 
 
Fazit easyJet-Meldung
 
Ja, easyJet kompensiert seinen CO2-Ausstoß. Aber, der CO2-Ausstoß eines Flugzeugs entspricht nicht dessen Klimabelastung. Diese liegt vier Mal so hoch. Zudem ist der Preis, den easyJet pro Tonne CO2 kompensiert mit 3,50 € sehr niedrig. Die easyJet-Flüge sind also keinesfalls klimaneutral. – Wie auch. Ein halber Liter Bier kostet ja schon mehr als eine easyJet-Tonne CO2.
 
Was bedeutet das für unser eigenes Flugverhalten?

 
So lange es keine politischen Entscheidungen gibt – etwa hohe Steuern auf Flüge bei gleichzeitiger Senkung der Preise der Bahn durch Subventionierung – muss das jede*r für sich entscheiden. Klar aber ist: Kompensation allein ist aus Klimasicht keine zufriedenstellende Lösung. 

Neben den negativen Umweltaspekten gibt es auch positive kulturelle – abseits von Familienbesuchen etc.: die Welt kennenlernen – andere Kulturen erleben und von diesen lernen. Sich mit Menschen auszutauschen, deren Lebensrhythmus eben gerade nicht vom schaffe, schaffe Häusle baue bestimmt wird. Zusammenhänge zu verstehen: Was hat Konsum mit Glück zu tun? Was Fairtrade mit Flüchtlingen? 

Aber: Jeder deutsche fliegt heute fast viermal mehr als im Jahr 1990. Das unsere intensiven kulturellen Bindungen ins Ausland dadurch gestiegen wäre, ist allerdings zweifelhaft.

Es ist also doppelt und dreifach wichtig, zu überlegen, wie sinnvoll eine Reise tatsächlich ist. Muss es wirklich so weit weg gehen? Vor allem für einen Kurzurlaub? Bei dem Erholung oder Spaß im Vordergrund steht. 


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