Fassadengestaltung 2001 „Wiederkehr der Kühe" (2001) von Sergej Dott, Dietrich-Bonhoeffer-Straße, Berlin

GraviPlant – waagerechte Bäume an Außenwänden

Vertikale Kühe an Häuserwänden erwecken im Prenzlauer Berg seid dem Jahrtausendwechsel die Aufmerksamkeit von Passanten. – Was als Kunstprojekt mit Skulpturen begann, tritt nun in Baden-Württemberg in eine neue Phase: Außenwänden werden lebendig.  

Alina Schick hat promoviert. Doch ihre Idee, mit der sich Außenwände von Gebäuden sogar mit Großpflanzen begrünen lassen, geht auf die Anfänge ihres Studiums zurück. Genauer auf die Zeit, in der sie die spannend und futuristisch klingenden Kurse Gravitationsbiologie und Schwerkraftwahrnehmung von Pflanzen belegte.  

Bitte was? – Ja, es ist genauso abgefahren, wie es sich anhört. Alina setzte sich im Studium ernsthaft mit dem Gemüseanbau auf Raumstationen wie der ISS auseinander.  

Vom schwerelosen Raum beamte Sie sich zurück ins Ländle und montierte Obstbäume in Waschmaschinentrommeln und kleinere Nutzpflanzen auf rotierende Kübel. Sie experimentierte mit Drehbewegungen und analysierte die Auswirkungen auf die Schwerkraft- und Licht-Wahrnehmung der Pflanzen.

Die Pflanzen orientieren sich nach ihrer letzten bekannten Wuchsrichtung, bevor sie gedreht wurden. Auf der Erde können die rotierenden Pflanzen so in unterschiedliche Richtungen ausgerichtet werden – z.B. waagrecht.

 

Foto: GraviPlant-Projekt an der Außenfassade der Uni Hohenheim: Ein Kranwagen war zwei Tage lang damit beschäftigt, die Pflanzenkörbe sieben Meter hoch zwischen Stahlträger zu stapeln. Gesamtgewicht des Fassaden-Gartens mit ca. 30 qm und 72 Boxen: über 15 Tonnen inklusive Wasser, Erde und Pflanzen. | Bild: Universität Hohenheim/Corinna Schmid

So einfach kann’s gehen

Unikurse belegen, die den Horizont erweitern + Trommel aus Omas Waschmaschine ausbauen und begrünen + viel Herzblut, Glaube, Begeisterung hineinlegen -> Patent anmelden. Im Mai 2018 verwewigte sich Alina Schick mit GraviPlant an der Außenfassade der Uni Hohenheim.

Lösung für urbanes Grün

Neben der surrealen Optik hat die ungewöhnliche Technik auch ein paar ganz reale Vorteile. Vor allem in smoggeplagten Großstädten.
„In Deutschland sind die Städte noch vergleichsweise grün. Wir bekommen jedoch zunehmend Anfragen aus Asien und dem arabischen Raum mit den dortigen Mega-Städten“, sagt Alina. Also aus Städten, in denen Raum für Grünanlagen längst Mangelware ist. „Diesen Städten gehört die Zukunft. Und der Bedarf an Begrünung wächst.“

Anders als die klassische Fassadenbegrünung, die nur wenige Zentimeter dick ist, erlaubt die GraviPlant-Technologie eine Mehr-Schicht-Begrünung mit Baum- und Strauchschicht. Die Pflanzen spenden Schatten und kühlen durch Verdunstungskälte. Sie filtern die Luft und dämmen den Verkehrslärm. Und durch erhöhte Rotation könnten sie wie große Quirls sogar die Luft verwirbeln, was zusätzliche zur Smogableitung beitragen könnte.

Welch ein Plus an Lebensqualität dies bedeuten kann, weiß Alinas Mitarbeiterin Julia Andermann aus eigener Erfahrung: Bevor sie in das Startup Visioverdis einstieg, verbrachte sie mehrere Jahre in China. „Wie viele Menschen in Peking mussten wir uns angewöhnen, täglich im Internet nachzusehen, ob es ratsam ist die Kinder draußen spielen zu lassen.“ Die GraviPlants ihrer neuen Arbeitgeberin könnten helfen, das zu ändern.

Rotation fördert Wachstum

Auch die Pflanzen profitieren von Drehbewegung und waagrechten Wachstum. Ein Beispiel: „Normalerweise tragen Liguster-Bäumchen nur an den Zweigspitzen frisches Laub. Unsere sind bis ins Innere der Kronen begrünt“, so Alina Schick.

Grund sei, dass das Sonnenlicht dank Drehung die Pflanzen von allen Seiten bescheine und es zu weniger Eigenbeschattung der Pflanzen kommt. Den Bäumchen beschere das mehr als die doppelte Blattmasse. Tomaten und Chilis zeigten in einigen Versuchen sogar leichten Mehrertrag als nicht gedrehte Pflanzen. Beim Einsatz der Pflanzen als Luftverbesserer stiegen dadurch auch Sauerstoffproduktion, CO2 -Bindung, Feinstaubfilterwirkung und Verdunstung und Verdunstungskühle.

Computergestützte Technik im Untergrund

Optisch beeindruckend sind die Gärten auch durch die Licht-Installation, die die Pflanzen abends in Geltung setzt. Doch unter der Blattoberfläche steckt noch mehr HighTech: Sensoren messen die Bodenfeuchte an den Pflanzenwurzeln. Ein Computer gleicht die Daten mit der Wettervorhersage ab und sorgt für automatische Bewässerung.

160 Kilo wiegt aktuell jeder GraviPlant samt Rotor und Pflanzenversorgungs-System. Rotationsgeschwindigkeit: zwischen 0,1 und 1,6 Umdrehungen pro Minute. Die kleinen Pflanzen dazwischen drehen sich nicht. Sie stecken in Gitterkörben mit Nährboden und einem Abdeck-Vlies.

Indoor-Landwirtschaft 

GraviPlant ist nur der Anfang. Alina Schick und Ihr Team entwickeln bereits neue Ideen. So testen sie zum Beispiel, wie sich Rotation und waagrechter Wuchs auf Medizinalpflanzen auswirken.

Eine weitere Idee: Das Projekt Skyfey für Pflanzenbau in Wohnblöcken – diesmal ganz ohne Rotation. „In Städten müssen Rohstoff-, Wasser und Energiekreisläufe effizienter werden. Wir testen, wie sich Wohnen mit Indoor-Landwirtschaft kombinieren lässt.“

Bei Skyfey sollen Pflanzen wie im Gewächshaus künstlich versorgt und beleuchtet werden. Dünger und die notwendige Energie würden die aufbereiteten Abwässer der Wohnblock-Bewohner liefern. Möglich macht dies ein Blockkraftheizwerk (BKHW).

Beleuchtet mit Kunstlicht im idealen Farb-Spektrum sollen die Äcker der Zukunft die Kellergeschosse der Wohnblöcke besiedeln. „Das ist wichtig, um die Top-Etagen weiterhin als Penthaus vermarkten zu können – die ertragreichsten Wohnflächen“, weiß Schick aus Gesprächen mit Architekten. Letztlich gehe es bei jedem Projekt um die Vision, Technik und Botanik zu verbinden, um neue Lebensräume für Pflanzen im urbanen Raum zu schaffen.

Alinas Anfänge der GraviPlant-Forschung

Im Gewächshaus nahe der Außenfassade lassen sich die Anfänge Alinas Startup Visioverdis bewundern. In einer Ecke steht noch die Waschmaschinen-Trommel, mit der Alina neben ihrer Doktorandenzeit die ersten Pflanzen dreht.

„Promoviert habe ich eigentlich zu einem ganz anderen Thema in der landwirtschaftlichen Beratungslehre. Die Idee stammt noch aus meiner Studienzeit – und hat mich seither nicht losgelassen.“

Denn eigentlich sei die Idee, rotierende Pflanzen in ungewöhnliche Richtungen wachsen zu lassen, schon 150 Jahre alt. „Erfunden wurden sie von Julius Sachs, der damals mit Uhrwerken arbeitete und diese Entwicklung als Klinostaten bezeichnete.“
Alina Schick startete mit Schefflera, Sonnenblumen und Chillipflanzen. Dabei erlitt sie auch Fehlschläge: Weihnachtsstern und Zimmerzypressen wollen zum Beispiel nicht gerne gedreht werden.

Dafür konnte sie die Technik immer weiter verfeinern. 235 Kilo wogen noch die ersten Baummodule. Mit der neuen Variante, die im September auf den Markt kommt, konnte das Gewicht auf 160 Kilo reduziert werden.

Vertikale Kühe zum Leben erwecken

Die Kunst liefert Anregungen, die Wissenschaft greift sie auf und entwickelt weiter. Noch scheint es völlig absurd, die vertikalen Kühe zum Leben zu erweckt. – Aber hättest Du es für möglich gehalten, dass waagerechte Bäume einmal unser Stadtbild prägen?    

Foto: Fassadengestaltung 2001 „Wiederkehr der Kühe" (2001) von Sergej Dott, Dietrich-Bonhoeffer-Straße, Berlin.


Weitere anschauliche Infos zu GraviPlant findest du auf Alinas Unternehmensseite Visioverdis

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