| Konsum & Lifestyle
Letzte Änderung: 15.01.2026 Autor*in: Amelie Sternagel

Mode ist politisch - und du bist Teil davon

Kennst du das auch? Stehen wir morgens vor unserem Kleiderschrank überlegen wir: Welche Situationen erwarten mich heute, welchen Eindruck möchte ich hinterlassen? In diesem Sinne ist Mode (auch) eine Sprache, in der niemand schweigen kann. Auch wenn wir uns selbst nicht als modeinteressiert bezeichnen, Modezeitschriften durchblättern oder Mode-InfluencerInnen folgen, informieren wir uns (unbewusst) fortwährend über Mode, in dem wir uns meist daran orientieren, was andere tragen.

Ein bestimmter Stil, angesagte Marken, medial gestützte Begeisterung oder auch politische Zeichen und Symbole charakterisieren eine Gruppe, an der man sich orientiert und zu der man sich zugehörig fühlt (oder fühlen möchte).

Für Beatrace Angut Oola ist die Modebranche ein Spiegel der Gesellschaft. „Historisch gesehen ist sie daher nicht nur ein Ausdruck von Stil und Individualität, sondern auch von Machtverhältnissen und kultureller Dominanz“.1

Denn die Modeindustrie hat eine lange Geschichte der Ausbeutung von Arbeitskräften und Ressourcen in kolonisierten Ländern. Von Baumwollfeldern, die von versklavten Menschen bewirtschaftet wurden, bis zu den heutigen Textilfabriken in u.a. Ländern des Globalen Südens z.B. Pakistan, in denen unter Ausbeutung Fast Fashion in Massen entsteht. Die Modebranche hält damit globale Ungleichheiten aufrecht, die in der Kolonialzeit begründet wurden.2

Die Mechanismen der Mode-Industrie

Die Modeindustrie und Konsumkultur werden dominiert von Großunternehmen, die den gesamten Produktzyklus steuern und auch die mediale Vermarktung von Idealen und Haltungen beherrschen. Es sind weltumspannende Wunschmaschinen, die Trends aufspüren und setzen, so schreibt es das fluter Magazin.3

Louis Vuitton (Frankreich) und Nike (USA) gehören aktuell zu den umsatzstärksten Marken weltweit. Aber auch Fast Fashion Labels wie Zara sind in den Top 10. (China) und Zalando (Deutschland) führen in diesem Jahr die Rangliste der umsatzstärksten Online-Modehändler Deutschlands an.4


Fast Fashion = (schnelle Mode) Geschäftsmodell, das ständig neue, trendige Kleidung zu sehr niedrigen Preisen und in minderwertiger Qualität produziert und verkauft.


Seit Influencer*innen und Social Media immer stärker bestimmen, was übermorgen angesagt sein wird, hat sich das milliardenschwere internationale Modebusiness darauf eingestellt, auf Unvorhersehbares jederzeit schnell reagieren zu können. Trends verbreiten sich heute in rasantem Tempo – sie werden sofort sichtbar und verfügbar, sobald sie auf dem Laufsteg, auf TikTok, bei Promis oder in einer Netflix-Serie erscheinen.

Die Marken stehen auf einem gesättigten Markt untereinander in starkem Wettbewerb und geben den Zeit- und Preisdruck an die Zulieferer und damit die Arbeiter*innen weiter.

Wir alle kennen inzwischen die Bilder von schrecklichen Textilfabrikunglücken (z.B. Rana Plaza in Bangladesch) und überquellenden Kleidermülldeponien (z.B. in Ghana oder der Atacama-Wüste in Chile). Aber sind wir ehrlich - beim Shoppen scheint das alles weit weg.

Hier einige Auswirkungen der Fast Fashion Industrie, die bisher weniger bekannt sind:

  • In Deutschland kaufen wir jährlich durchschnittlich 60 neue Kleidungsstücke, tragen diese aber nur noch halb so lange wie noch vor 25 Jahren.5
  • Die Modeindustrie braucht jährlich mehr als anderthalbmal so viel Wasser wie das Fassungsvermögen des Bodensees.5
  • Der Anteil der Textil- und Bekleidungsindustrie an den weltweiten CO2- Emissionen liegt bei ca. 8 Prozent. Damit hat die Bekleidungs- und Schuhindustrie einen höheren CO2-Ausstoß als der weltweite Flug- und Schiffsverkehr zusammen.5
  • Polyester und damit eine erdölbasierte synthetische Plastikfaser ist weiter auf dem Vormarsch. 60 Prozent der neu produzierten Kleidung besteht zum Teil oder ganz aus Polyester.5
  • In Form von Mikroplastik gelangen durch das Waschen aller Haushalte in Deutschland in einer Woche so viel Plastikpartikel in die Gewässer wie ca. 3,3 Millionen Plastiktüten enthalten.5    

Was Wenige wissen: die Mode- und Textilindustrie hier vor Ort in Baden-Württemberg zählte einst zu den bedeutendsten Wirtschaftszweigen. Marken wie Mustang aus Künzelsau oder Salamander aus Kornwestheim entwickelten sich zum Aushängeschild der Region. Der sich wandelnde globale Textilmarkt Mitte des 20. Jahrhunderts trieb jedoch viele Unternehmen in den Konkurs.6

„Konfektion folgt immer der Armut“ lautet ein Sprichwort der Branche. Wenn Unternehmen nicht in den Globalen Süden abgewandert sind, finden sie sich z.B. in Rumänien oder der Türkei wieder. Länder, in denen es leicht ist, geltendes Recht zu umgehen. „Made in Europe“ ist damit noch lange kein Indiz für z.B. existenzsichernde Löhne.7

Gemeinsam Mode verändern: Kleine Schritte, große Wirkung


Slow Fashion = Gegenteil von Fast Fashion; nachhaltige Mode und bewusstes Kaufverhalten. Transparenz entlang der Lieferkette, faire Arbeitsbedingungen, hochwertige Qualität und Langlebigkeit statt kurzlebiger Trends.


Baden-Württemberg zeichnet sich aber auch heute noch durch Unternehmen aus, die auf Unterwäsche oder Sportbekleidung spezialisiert sind wie Mey aus Albstadt oder Vaude vom Bodensee. Außerdem gibt es neue Firmen und Slow Fashion Labels, die Wert auf Nachhaltigkeit legen und lokale Ressourcen wiederbeleben wie das vegane Label LOVJOI.

Ein Blick in den Future Fashion Guide oder das Fashion Changers Magazin lohnt sich. Dort kannst du noch mehr über die Fast- und Slow-Fashion-Welt erfahren, Organisationen und Mode-Aktivist*innen kennenlernen und herausfinden, wie du auch auf politischer Ebene (Kampagnen, Petitionen usw.) aktiv werden kannst.
Die gute Nachricht: das Bewusstsein in der Gesellschaft für die problematischen Auswirkungen der Fast Fashion Industrie, unserer Konsumgesellschaft und den kapitalistischen Zwängen wächst. Die nachhaltige Modebranche hat in den letzten Jahren immer größeren Anteil am Bekleidungsmarkt gewonnen.  

Gleichzeitig hat der Einfluss von Konsument*innen auf einen nachhaltigen Wandel der Modewelt Grenzen. Zum einen bleibt es eine Frage der Privilegien, den eigenen Konsum zu reflektieren bzw. neue nachhaltige Kleidung zu kaufen. Zum anderen stehen Konsument*innen ganz am Ende einer sehr komplexen Wertschöpfungskette.

Mode ist politisch - und du bist Teil der Veränderung

Das sollen keine Gründe sein, die eigenen Kaufentscheidungen nicht zu hinterfragen. Es soll – so die Fashion Changers – ein Appell sein, sich selbst nicht nur als Konsument*in zu begreifen, sondern als Bürger*in einer Demokratie, die Fragen und Forderungen stellt und sich aktiv einbringt – im Kleinen oder im Großen.8 Wie? Mit dem eigenen Umfeld darüber ins Gespräch kommen, kritisch nachfragen, vernetzen, Mails an Politiker*innen senden, Petitionen unterschreiben und einige weitere Möglichkeiten, die hier von den Fashion Changers zusammengefasst wurden. 

Denn eine wirkliche strukturelle Veränderung kann nur durch öffentlichen Druck und übergeordnete politische Regularien erfolgen.

Hier ein Positivbeispiel: Greenpeace hat mit ihrer großen Detox-Kampagne erreicht, dass einige der großen Textilunternehmen weitestgehend auf gesundheitsschädliche Chemikalien in der Produktion verzichten.9

Was muss sich verändern?

Neben …

  • verpflichtender Transparenz,
  • sozial-ökologischen Standards wie z.B. existenzsichernder Löhne,
  • Arbeitsschutz und dem Recht zur gewerkschaftlichen Organisation,
  • der Dekarbonisierung,
  • der Einschränkung von Überproduktion, Reduktion des Produktvolumens und dem Verbot der Vernichtung von Neuware (ab 2026 wird die Vernichtung unverkaufter Kleidung, Schuhe und Accessoires in der EU verboten),
  • der Ausweitung des Kreislaufwirtschaftsgesetz auf möglichst alle Branchen,

muss das Machtungleichgewicht zwischen dem Globalen Norden und Süden10 ausbalanciert werden.

In der Modeindustrie zählt die Verlängerung der Lebensdauer von Kleidung zu den wirksamsten Hebeln – durch deutliche Verbesserung der Qualität aber auch durch Weitergabe/-verkauf, Second-Hand-Käufen und Konzepte wie Kleidertauschaktionen. 

Du möchtest mehr über Kleidertauschpartys erfahren oder hast Interesse, selbst eine Tauschaktion zu organisieren? Wir beraten dich gerne und verleihen unsere Materialien. Mehr Infos dazu findest du hier

Welche Möglichkeiten gibt es neben Kleidertauschaktionen noch für bewussten Konsum und einen nachhaltigen Kleiderschrank? 

Wichtig: Es gibt keine feste Definition von Nachhaltiger Mode. Das schafft einerseits Raum, Nachhaltigkeit möglichst breit zu denken, andererseits gibt es keinen festen Regelrahmen, an dem sich alle (z.B. Konsument*innen, Unternehmen, Politik) orientieren können oder müssen.

Nachhaltigkeitskriterien für deine (Kauf-)Entscheidungen

Nennen kann ich dir jedoch bestimmte Nachhaltigkeitskriterien, die du für dich selbst bewerten und in deine Entscheidungen einbeziehen kannst:

Das Kleidungsstück ist:

  • gebraucht; z.B. innerhalb der Familie weitergegeben, von einem Second Hand Laden, einer Online-Plattform wie vinted.
  • langlebig, qualitativ hochwertig oder reparierbar (z.B. durch modulare Reißverschlüsse oder austauschbare Knöpfe der Kleidung). Qualität erkennt man an der Verarbeitung z.B. saubere, gerade Nähte, kein Verziehen. Wichtig: „Teuer“ heißt nicht gleich „hohe Qualität“ oder „nachhaltig“.
  • mit einem Siegel gekennzeichnet: 
  • aus Material z.B. Bio-Baumwolle oder Tencel, das als nachhaltiger gilt, möglichst aus Reinfasern.
  • Kleidungsstück ist teilweise oder ganz recycelt oder möglichst recyclingfähig (aus keinen oder möglichst wenigen Mischfasern). Vor welchen Herausforderungen die Modeindustrie jedoch beim Thema Textilrecycling steht erfährst du in diesem Blogartikel.
  • minimalistisch, zeitlos, saisonübergreifend oder gut kombinierbar
  • vegan (keine tierischen Materialien wie z.B. Leder) oder plastikfrei (z.B. kein Polyester) 

Tipp: Lade dir die App Siegelklarheit herunter, so kannst du unterwegs beim Einkaufen schnell prüfen, was das jeweilige Siegel bedeutet und ob das Kleidungsstück deine Kriterien erfüllt.
Oder das Unternehmen kann z.B. auf der Website die Lieferkette (die einzelnen Produktionsschritte) transparent offenlegen.

Was du am „nachhaltigsten“ findest, beruht auf dem, was dir persönlich am wichtigsten ist. Für die einen sind das vegane Materialien, für die anderen nicht-erdöl basierte Produkte.

Qualität statt Quantität 

Ich denke, worin wir uns alle einig sind: Nachhaltigkeit bedeutet weniger Produktionund weniger Konsum auf der anderen Seite. Das „nachhaltigste“, was wir tun können:

Gut überlegen, ob wir

  • das Kleidungsstück wirklich brauchen, ob wir auch mit einem Kleidertausch oder Second- Hand-Kauf Abwechslung in unseren Kleiderschrank bekommen,
  • reparieren oder upcyceln können und so vielleicht doch wieder Freude daran finden,
  • gut mit der Kleidung umgehen, die wir bereits besitzen und die Lebensdauer verlängern können z.B. durch richtiges Waschen und Pflegen. 30 Grad oder das Eco-Programm reichen meistens aus.

Auf unserem Instagram-Kanal stellen wir regelmäßig Nachhaltige Outfits (auch für den kleinen Geldbeutel) vor – schau vorbei!

Darüber hinaus lohnt sich ein Blick auf alternative Modelle wie den Mietmarkt für Kleidung (z.B. Kleiderei oder Outdoorausrüstung von Vaude). Diese Modelle verwandeln Händler mehr und mehr in Dienstleister, die ihre Produkte für eine Gebühr anbieten.

Bei unseren Future Fashion Touren durch Stuttgart besuchen wir die Kleiderei, aber auch andere Slow Fashion Spots in der Stadt – hier kannst du dich (mit deiner Freundes- oder Kolleg*innengruppe) anmelden.

Auch Schneidereien und Reparaturdienstleistungen müssten zukünftig in größerem Umfang verfügbar und erschwinglicher gemacht werden und Gesetze, wie das Recht auf Reparatur auch für die Bekleidungsindustrie gelten.

Wobei wir wieder bei den Rahmenbedingungen angelangt wären, die von der Politik umgesetzt werden müssen. Vor allem die großen multinationalen Unternehmen müssen in die Pflicht genommen werden, sodass ein Wandel der Modewelt wirklich gelingen kann.

Oder mit den Worten der Fashion Changers: „Mode war schon immer politisch, auch wenn sie oft als oberflächlich abgetan wird. Mode ist kreativer Ausdruck, aber auch so viel mehr. Wenn wir über die Klimakatastrophe und die Auswirkungen auf den Menschen sprechen, ist es an der Zeit, Mode auf die Agenda zu setzen und als klimapolitisches Problem anzuerkennen.“11


Quellen

  1. Beatrace Oola ist Gründerin der Plattform Fashion Africa Now. Mit ihrer Arbeit setzt sie sich bereits seit Jahren für die Dekolonisierung in der Mode ein. Mit ihrer Expertise möchte sie die Sichtbarkeit Schwarzer Menschen in der Modeindustrie erhöhen. https://fashionchangers.de/dekolonisierung-der-mode/
  2. https://fashionchangers.de/dekolonisierung-der-mode/
  3. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/fluter/315435/mode/
  4. https://www.textilwirtschaft.de/business/news/e-com-studie-von-ehi-und-ecdb-das-sind-die-umsatzstaerksten-online-modehaendler-der-republik-252374
  5. Dossier Fast Fashion – eine Bilanz in 3 Teilen, CIR: https://www.ci-romero.de/wp-content/uploads/2019/06/FastFashion_Dossier_CIR_2019.pdf
  6. https://www.kosmos.de/de/fashion-was-mode-zu-mode-macht_2028627_9783763028627
  7. https://saubere-kleidung.de/lohn-zum-leben/europa/
  8. https://fashionchangers.de/wp-content/uploads/2021/02/Leseprobe_FashionChangers_WiewirmitfairerModedieWeltveraendernkoennen_2020_KnesebeckVerlag_lowres.pdf
  9. https://www.greenpeace.de/engagieren/nachhaltiger-leben/umweltfreundlich-textilindustrie
  10. Globaler Süden und Globaler Norden beschreiben historisch gewachsene und gegenwärtige Macht- und Unterdrückungsstrukturen auf globaler Ebene.
    Länder des Globalen Nordens befinden sich in einer wirtschaftlich, politisch, ökologisch und gesellschaftlich privilegierten Machtposition. 
    Die Einteilung in Süd und Nord wird unabhängig von der geografischen Verortung verstanden, und sie soll wertende und fremdbestimmte Ausdrücke für die besagten Länder ersetzen. (https://www.bundjugend.de/glossary/globaler-norden/)
  11. https://fashionchangers.de/wp-content/uploads/2021/02/Leseprobe_FashionChangers_WiewirmitfairerModedieWeltveraendernkoennen_2020_KnesebeckVerlag_lowres.pdf 

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